Obwohl der Placebo-Effekt weithin bekannt ist, haftet ihm oft ein negativer Ruf an. Dabei ist er keineswegs verkehrt, wie Prof. Dr. Ulrike Bingel in der aktuellen Folge des ACHILLES RUNNING Podcasts erläutert. Die Professorin für Neurowissenschaften an der Universität Duisburg-Essen definiert den Placebo-Effekt als eine positive Reaktion von Körper oder Seele, die nach der Anwendung eines Scheinmedikaments auftritt – also eines Mittels ohne tatsächliche pharmakologische Wirkung oder anderweitig belegbare Evidenz. Maßgeblich vorangetrieben wird dieser Effekt durch die mit der Behandlung verbundene Erwartungshaltung und Einstellung. Der Placebo-Effekt beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Medizin, sondern kann auch im Training gezielt als psychologischer und physiologischer Leistungsbooster genutzt werden.
Placebo vs. Nocebo
Für Sportler:innen ist nicht nur der Placebo-Effekt interessant, sondern auch sein Bruder, der Nocebo-Effekt. Das faszinierende Zusammenspiel aus Psyche und Biologie funktioniert nämlich in beide Richtungen. Während der Placebo-Effekt durch positive Erwartungen reale Heileffekte oder Leistungssteigerungen triggert, beschreibt der Nocebo-Effekt das genaue Gegenteil. Hier führen negative Erwartungen, Ängste oder die Sorge vor Nebenwirkungen dazu, dass harmlose Reize tatsächliche Schmerzen, Unwohlsein oder Leistungseinbrüche hervorrufen. Wie stark diese Effekte anschlagen, ist von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich. Prof. Dr. Ulrike Bingel erklärt, dass Gene, Persönlichkeitsmerkmale und vor allem vergangene Lernerfahrungen darüber entscheiden, wie empfänglich unser Gehirn für dieses psychologische Biofeedback ist.
Wirksame Tools oder Geldverschwendung?
Wie zeigt sich der Placebo-Effekt in der tatsächlichen Trainigspraxis? Sportler:innen greifen oft auf Hilfsmittel wie Kompressionsbekleidung, Kältetherapie oder Nahrungsergänzungsmittel zurück, in der Hoffnung, ihre Regeneration zu fördern und ihre Fitness zu steigern. Selbst wenn für viele dieser Produkte ein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis fehlt, erzielen sie oft dennoch einen positiven Effekt. Hier kommen laut Prof. Dr. Bingel persönliche Erfahrungen und die individuelle Erwartungshaltung ins Spiel. Sie erläutert, dass eine jahrelange Routine – etwa das regelmäßige Eisbad oder das Tragen bestimmter Laufkleidung – dazu führt, dass man sich körperlich oder mental schlechter fühlt, sobald diese Gewohnheiten unterbrochen werden. Placebos sind somit nicht per se negativ zu bewerten. Wichtig ist jedoch, keine Abhängigkeit von kostspieligen Produkten zu entwickeln, die über keinen tatsächlichen Wirkstoff verfügen.
Erfahre in dieser Folge noch mehr über dieses wirklich spannende Phänomen und wie es dir im Laufsport unter die Arme greifen kann. Du findest die Folge überall, wo es Podcast gibt, inklusive Spotify und Apple-Podcast.